Stromunfall im Betrieb: Warum elektrische Gefahren oft unterschätzt werden

Strom ist in Unternehmen allgegenwärtig: Maschinen, Werkzeuge, Ladegeräte, Verlängerungsleitungen, Steckdosenleisten und elektrische Betriebsmittel gehören in Produktion, Verwaltung, Werkstatt und Lager einfach zum Alltag. Doch was täglich funktioniert, wird schnell zur Routine. Und was Routine ist, wird häufig nicht mehr bewusst als Risiko wahrgenommen. Dabei zeigen die Zahlen, dass Arbeitsschutz beim Thema Strom weiterhin wichtig bleibt: Im Unfallregister der BG ETEM wurden 2025 5.112 gemeldete Stromunfälle erfasst, darunter 560 meldepflichtige und ein tödlicher Stromunfall. Besonders wichtig für die betriebliche Praxis: Laut BAuA starben im Zeitraum 2000 bis 2015 jährlich 36 bis 100 Personen an den Folgen von Elektrounfällen; rund 90 Prozent dieser tödlichen Elektrounfälle wurden durch Niederspannung verursacht.

Häufige Ursachen für Stromunfälle: Defekte, Routine und falscher Umgang

Häufig stecken hinter Stromunfällen beschädigte Kabel, defekte Stecker, gequetschte Leitungen, ungeeignete Geräte, Feuchtigkeit, provisorische Lösungen oder Arbeiten unter Spannung. Ebenso kritisch ist menschliches Verhalten: Zeitdruck, Gewohnheit und der Gedanke „Das geht schnell noch“ führen im Arbeitsalltag immer wieder zu riskanten Entscheidungen.

Mechanische Schäden an elektrischen Betriebsmitteln lassen sich oft mit einfachen Regeln vermeiden: 

  • Netzstecker sollten nie am Kabel aus der Steckdose gezogen werden. 
  • Leitungen dürfen nicht durch Türen eingeklemmt, über scharfe Kanten gezogen oder mit schweren Gegenständen belastet werden. 
  • Kabel sollten so verlegt sein, dass sie weder Stolperstellen bilden noch überfahren oder gequetscht werden. 
  • Auch Kabeltrommeln, Mehrfachsteckdosen und Verlängerungsleitungen müssen bestimmungsgemäß eingesetzt werden. 

Wird ein Schaden an Kabeln oder Netzsteckern festgestellt, gilt: Gerät nicht weiterverwenden, Gerät vom Kabel trennen, kennzeichnen und zum Beispiel der verantwortlichen Führungskraft melden. Eigenmächtige Reparaturen sind tabu. Beschäftigte sollten außerdem Bedienungsanleitungen beachten, Geräte nur bestimmungsgemäß verwenden und vor der Nutzung eine kurze Sichtprüfung durchführen.

 

Wirkung von Strom auf den Körper: Jeder Stromunfall ist ernst zu nehmen 

Wie schwer ein Stromunfall verläuft, hängt von mehreren Faktoren ab: Stromstärke, Stromart, Dauer des Stromflusses, Größe der Kontaktfläche, Dicke der Hautstelle, Umgebung und Weg der Durchströmung. Besonders kritisch ist ein Stromweg über den Brustbereich, etwa von Hand zu Hand oder von Hand zu Fuß. Die möglichen Folgen reichen von Kribbeln, Schmerzen und Muskelverkrampfungen bis zu Atemstörungen, Herzrhythmusstörungen, Verbrennungen, neurologischen Ausfällen oder Herzstillstand. Die BG ETEM beschreibt bei direktem Stromdurchfluss unter anderem Schädigungen am Herzen bis hin zum Herzstillstand, Störungen des Nervensystems, Gefäßschäden und Muskeldefekte als mögliche Folgen.

Wichtig für Unternehmen: Auch ein vermeintlich kleiner Stromunfall darf nicht bagatellisiert werden. Wegen möglicher Herzrhythmusstörungen ist laut DGUV eine umgehende ärztliche Vorstellung auch nach einem mutmaßlichen „Wischer“ notwendig.

 

Erste Hilfe bei Elektrounfällen: Erst Strom abschalten, dann helfen

Bei einem Stromunfall zählt jede Minute, aber Eigenschutz geht vor. Ersthelferinnen und Ersthelfer dürfen sich nicht selbst in Gefahr bringen. Zuerst muss vorsichtig die Stromzufuhr unterbrochen werden, um sich selbst nicht in Gefahr zu begeben: Gerät ausschalten, Stecker ziehen oder Sicherung abschalten. Ist das nicht möglich, darf die betroffene Person nur mit nicht leitenden Hilfsmitteln von der Stromquelle getrennt werden. Danach greift die Rettungskette mit den zentralen Maßnahmen nach dem DRK: Notruf 112 absetzen, Bewusstsein und Atmung prüfen, bei normaler Atmung stabile Seitenlage, bei fehlender Atmung Wiederbelebung beginnen. Brandwunden sollten keimfrei abgedeckt und Betroffene bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes betreut werden.

 

Schutzklassen, IP-Code und IK-Code: Was Unternehmen unterscheiden sollten

Im Arbeitsschutz gibt es außerdem sogenannte Schutzklassen und Schutzarten. Schutzklassen beziehen sich auf den Schutz des Menschen gegen elektrischen Schlag. Schutzklasse I arbeitet mit Schutzleiter, Schutzklasse II mit doppelter oder verstärkter Isolierung, Schutzklasse III mit Schutzkleinspannung.

Schutzarten beschreiben dagegen, wie gut ein Gehäuse gegen äußere Einflüsse geschützt ist. Der IP-Code gibt an, in welchem Maß ein Betriebsmittel gegen Berührung, Fremdkörper, Staub und Wasser geschützt ist. Der IK-Code beschreibt die Widerstandsfähigkeit gegen mechanische Beanspruchung, etwa Stoß- oder Schlagbelastung. Entscheidend ist, dass Geräte zur Arbeitsumgebung passen und vor der Nutzung in ordnungsgemäßem Zustand sind.

 

Elektrosicherheit braucht klare Prozesse

Für elektrische Gefahren brauchen Unternehmen klare Zuständigkeiten, regelmäßige Prüfungen elektrischer Betriebsmittel, nachvollziehbare Meldewege, aktuelle Gefährdungsbeurteilungen und wiederkehrende Unterweisungen. Gerade Unterweisungen sind entscheidend, weil sie Routine unterbrechen. Sie erinnern Beschäftigte daran, Schäden ernst zu nehmen, Geräte richtig zu verwenden, Stromunfälle nicht zu verharmlosen und im Notfall sicher zu handeln. Für HSE-, Arbeitsschutz- und Compliance-Verantwortliche stellt sich dabei nicht nur die Frage, ob unterwiesen wurde, sondern auch: Wer wurde unterwiesen? Zu welchem Thema? Mit welchem Nachweis? Und wann ist die nächste Auffrischung fällig?

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