Interview: MHFA-Ersthelferin Katrin über Mental Health First Aid im Unternehmen

Psychische Gesundheit betrifft uns alle – im privaten Umfeld genauso wie im Arbeitsalltag. Doch oft fällt es schwer, Belastungen anzusprechen oder angemessen zu reagieren, wenn es jemandem offensichtlich nicht gut geht. Genau hier setzt Mental Health First Aid, kurz MHFA, an. Katrin hat die Ausbildung zur MHFA-Ersthelferin absolviert und erzählt im Interview, was sie dazu motiviert hat, welche Inhalte sie besonders geprägt haben und wie sie ihre Rolle im Unternehmen versteht.

Katrin, wie bist du auf das Thema Mental Health First Aid aufmerksam geworden und was hat dich motiviert, die Ausbildung zu machen?

Auf MHFA bin ich durch einen ehemaligen Kollegen aufmerksam geworden. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass es so ein Angebot gibt und dass es auch in Unternehmen eingesetzt werden kann. Motiviert hat mich vor allem, dass man sowohl im beruflichen als auch im privaten Alltag immer wieder mit psychischen Belastungen oder Krisen konfrontiert wird. Oft entsteht dabei eine gewisse Hilflosigkeit: Man merkt, dass es jemandem nicht gut geht, weiß aber nicht genau, wie man reagieren oder unterstützen kann. Ich wollte mehr Sicherheit und Wissen im Umgang mit solchen Situationen gewinnen. Außerdem höre ich Menschen gerne zu und bin gerne für andere da – deshalb hat mich das Thema direkt angesprochen.

Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde, dass psychische Gesundheit am Arbeitsplatz mehr Aufmerksamkeit braucht?

Ja, leider gab es in den vergangenen zehn Jahren im Unternehmen immer wieder Situationen, in denen deutlich wurde, wie wichtig dieses Thema ist. Psychische Belastungen sind nichts Seltenes. Sie können jeden Menschen betreffen und zeigen sich nicht immer sofort offen. Gerade deshalb ist es wichtig, genauer hinzuschauen und eine Kultur zu schaffen, in der Betroffene sich trauen, über Belastungen zu sprechen.

Wie würdest du MHFA jemandem erklären, der den Begriff noch nie gehört hat?

MHFA ist im Grunde vergleichbar mit einem klassischen Erste-Hilfe-Kurs – nur geht es nicht um körperliche, sondern um psychische Notfälle und Belastungssituationen. In der Ausbildung lernt man, psychische Krisen und Erkrankungen frühzeitig zu erkennen, Warnzeichen wahrzunehmen und betroffene Personen angemessen anzusprechen. MHFA-Ersthelferinnen und -Ersthelfer hören zu, unterstützen im Gespräch und helfen dabei, den Weg zu professionellen Hilfsangeboten zu finden. Wichtig ist dabei: MHFA ersetzt keine Therapie und keine psychologische Beratung. Es geht darum, erste Unterstützung zu leisten, bis professionelle Hilfe möglich ist. Das Programm wurde ursprünglich in Australien entwickelt und wird heute in vielen Ländern angeboten, darunter auch in Deutschland.

Wie läuft die MHFA-Ausbildung ab und welche Themen werden behandelt?

Die Ausbildung besteht aus einem zwölfstündigen Kurs, der meistens auf zwei Tage aufgeteilt ist. Behandelt werden zunächst Grundlagen der psychischen Gesundheit und psychischer Erkrankungen. Dazu gehören zum Beispiel Depressionen, Angststörungen, Psychosen und Suchterkrankungen. Ein wichtiger Bestandteil ist außerdem das Erkennen von Warnzeichen und Symptomen. 

Man lernt, wie man ein unterstützendes Gespräch führt, wie man in psychischen Krisen reagiert – etwa bei Panikattacken, Suizidgedanken oder starken Belastungsreaktionen – und wie man Betroffene an passende professionelle Hilfsangebote weitervermittelt. Dabei wird auch mit einem Aktionsplan gearbeitet, der Orientierung gibt, wie man in solchen Situationen Schritt für Schritt angemessen unterstützen kann.

Was war für dich der wichtigste oder überraschendste Inhalt der Ausbildung?

Besonders wichtig war für mich zu lernen, psychische Probleme frühzeitig zu erkennen und Betroffene offen, respektvoll und wertschätzend anzusprechen. Überraschend war für mich vor allem der Umgang mit dem Thema Suizidgedanken. In der Ausbildung wurde deutlich, dass man Menschen direkt danach fragen darf und auch fragen sollte, wenn entsprechende Warnzeichen bestehen. Viele haben Sorge, dass sie dadurch erst Gedanken auslösen oder sie verstärken könnten. Tatsächlich ist es aber oft hilfreich, weil Betroffene dadurch die Möglichkeit bekommen, über ihre Situation zu sprechen und Unterstützung anzunehmen.

Gab es Übungen oder Gesprächstechniken, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?

Ja, besonders die Rollenspiele sind mir in Erinnerung geblieben. In diesen Übungen wurden Gespräche mit betroffenen Personen nachgestellt. Das war teilweise sehr emotional, aber auch sehr hilfreich, weil man dadurch ein Gefühl dafür bekommt, wie solche Gespräche ablaufen können. Man lernt, ruhig zu bleiben, zuzuhören, nicht vorschnell zu bewerten und die eigenen Beobachtungen respektvoll anzusprechen. Gerade diese praktische Übung hat mir mehr Sicherheit gegeben.

Hat die Ausbildung deinen Blick auf mentale Gesundheit verändert?

Auf jeden Fall. Mir ist noch bewusster geworden, wie häufig psychische Erkrankungen sind und dass sie jeden Menschen treffen können. Ich habe gelernt, Warnzeichen früher zu erkennen, noch genauer hinzuschauen und offener über psychische Belastungen zu sprechen. Außerdem hat die Ausbildung mir gezeigt, wie wichtig es ist, Betroffene ernst zu nehmen. Man muss nicht sofort eine Lösung haben. Oft ist es schon viel wert, zuzuhören, da zu sein und die Person zu ermutigen, sich bei Bedarf professionelle Hilfe zu holen.

Was ist deine Rolle als MHFA-Ersthelferin im Arbeitsalltag?

Als MHFA-Ersthelferin bin ich eine erste Ansprechperson für Kolleginnen und Kollegen, die psychisch belastet sind oder sich in einer Krise befinden. Das ist ein ergänzendes Angebot zu unseren Vertrauenspersonen im Unternehmen. Kolleginnen und Kollegen können auf mich zukommen, wenn sie sich psychisch belastet fühlen, berufliche oder private Sorgen haben oder Veränderungen bei sich bemerken, die sie verunsichern oder belasten. Das kann zum Beispiel Stress, Angst, Niedergeschlagenheit, Überforderung oder ein anderes psychisches Problem sein. Auch wenn sich jemand Sorgen um eine andere Person macht und unsicher ist, wie er oder sie helfen kann, kann ein Gespräch sinnvoll sein.

Wie gehst du damit um, wenn du bemerkst, dass es jemandem möglicherweise nicht gut geht?

Wenn ich merke, dass es jemandem möglicherweise nicht gut geht, suche ich – sofern die Situation passend ist – das persönliche Gespräch. Dabei ist mir wichtig, respektvoll und ohne Vorwürfe auf die Person zuzugehen. Ich schildere, was ich beobachtet habe, und frage offen, wie es ihr geht. Ich möchte signalisieren: Ich habe wahrgenommen, dass sich etwas verändert hat, und ich bin da, wenn die Person sprechen möchte.

Wo liegen die Grenzen deiner Rolle – und warum sind Vertrauen und Vertraulichkeit so wichtig?

Die Grenzen meiner Rolle sind klar: Ich bin keine Psychologin oder Therapeutin. Ich stelle keine Diagnosen, führe keine Therapie durch und kann die Probleme der betroffenen Person nicht selbst lösen. Meine Aufgabe ist es, zuzuhören, Orientierung zu geben, zu unterstützen und bei Bedarf dazu zu ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen oder an die richtigen Anlaufstellen zu verweisen. Gerade deshalb sind Vertrauen und Vertraulichkeit besonders wichtig. Nur wenn Kolleginnen und Kollegen sich sicher fühlen, sprechen sie offen über ihre Sorgen und Belastungen.

Für mich ist MHFA deshalb ein wichtiges Angebot im Unternehmen: Es schafft eine niedrigschwellige Möglichkeit, über psychische Gesundheit zu sprechen, Belastungen früher wahrzunehmen und Menschen in schwierigen Situationen nicht allein zu lassen.

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